Friedas kleine Weihnachtswunder

Diese Geschichte spielt am Nachmittag eines 23. Dezembers in einer kleinen Stadt an der Nordsee. Es war ungewöhnlich warm an diesem Tag. Warm genug, um etwas Zeit am Meer zu verbringen, dessen Wellen ruhig und gleichmäßig heranrollten, als wäre es ein kühler Sommertag und nicht der Beginn des Winters. An diesem Nachmittag saßen sechs Menschen und ein Hund in einer kleinen Sitzgruppe, die aus mehreren im Halbkreis angeordneten, großen Bänken bestand und direkt an den kleinen Weg angrenzte, der den Strand von der Promenade trennte. Über diese Menschen hätten wir wohl nie etwas erfahren, wenn Frieda sich nicht genau diese sechs ausgesucht hätte. Es war das erste Weihnachtsfest, an dem die kleine Elfin den Weihnachtsmann begleiten durfte. Um nicht unvorbereitet für diese besondere Aufgabe zu sein, übte sie sich schon die ganze Adventszeit darin, Menschen eine Freude zu machen. So kurz vor dem großen Tag wollte sie noch einmal einigen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und fand sie an jener Stelle am Strand. Um herauszufinden, welche Freude sie jedem einzelnen machen konnte, gesellte sie sich zu ihnen und lauschte ihren Gedanken. 

Als Erstes flog sie zu der Frau mit dem Hund. Sie trug einen schwarzen Mantel und einen braun gemusterten Schal, hielt den kleinen Mischlingshund an einer langen Leine und hatte ihre Augen geschlossen, so als wolle sie in Ruhe dem Meeresrauschen lauschen.

Am liebsten würde ich vorspulen. Wenn nur schon der zweite Weihnachtstag wäre! Allein auf dem Sofa, mit Büchern und Podcasts, die mich interessieren, nur mich. Oder Weihnachten einfach schwänzen, das wär‘s! Was würde ich schon verpassen? Die Streitereien der Kinder, Max‘ Monologe über Weltpolitik, die garantiert in einer hitzigen Debatte mit seinem Bruder enden… und meine Mutter höre ich schon sagen: „Hast du wieder zugenommen? Ach, du gehst nicht mehr zum Sport? Du solltest unbedingt Sport machen!“ Die können mich alle mal!

Frieda beobachtete den Hund, der von den Gedanken seines Frauchens nichts mitzubekommen schien und unter der Bank nach etwas Essbarem suchte. Diese Frau würde bestimmt gerne mal in ein Wellnesshotel fahren, ganz allein, dachte sie. Doch so ein großes Geschenk konnte Frieda nicht machen.

Sie wandte sich dem nächsten Menschen zu, der mit etwas Abstand auf der gleichen Bank saß. Es war ein junger Mann, der aus einem anderen Land kam, denn seine Gedanken klangen in einer anderen Sprache. Frieda verstand sie dennoch.

Ich vermisse die drei so sehr! In der Unterkunft gibt es Geschenke für die Kinder und Kekse für alle… Dieses Weihnachtsfest macht es noch schlimmer, obwohl Weihnachten gar nicht unser Fest ist. Im Deutschkurs haben sie gesagt, es ist das Fest der Familie… Ach, wäre meine Familie jetzt nur hier bei mir!

Frieda schaute dem Mann in die Augen und begann zu überlegen, wie man jemandem eine Freude machen konnte, der seine Liebsten so sehr vermisste. Ginge das überhaupt? Sie beschloss zuerst einmal den Gedanken der anderen zu lauschen.

Ein Lächeln huschte ihr über das Gesicht, denn auf der nächsten Bank saß eine alte Frau mit Oma-Gesicht, Oma-Mantel und Oma-Mütze und strickte ─ so, wie es Omas eben tun. Frieda liebte Omas und lauschte gespannt.

Es ist wirklich viel zu warm für diese Jahreszeit. Es muss ja nicht gleich schneien, wie damals… ach ja damals, als wir Weihnachten eingeschneit waren und die Kinder mit dem Kleinen auf dem Schlitten gekommen sind. Das war das schönste Fest. Und jetzt das erste Weihnachten ohne sie, seitdem du nicht mehr da bist, Karl. Ach…

Das Lächeln auf Friedas Gesicht war erloschen, denn obwohl die Frau beschwingt strickte, waren ihre Gedanken traurig. Auch dem Mann, der neben der Oma auf der Bank saß, sah Frieda direkt an, dass etwas nicht stimmte. Immer wieder fuhr er sich mit seinen Händen durch die kurzen, braunen Haare und schüttelte kaum merklich den Kopf.

Es ist eine Katastrophe, dass Alex und Lynn abgesagt haben. Ich will nicht mit Laura allein feiern… Weihnachten war doch immer viel los und jetzt nur wir beide… der erste Heiligabend nur mit ihrem Papa… Wie kann ich es nur schön für sie machen?  Ich habe keine Ahnung…

Frieda war gerührt, dass sich jemand so sehr den Kopf darüber zerbrach, wie er Weihnachten für seine Tochter schön machen konnte. Ihr kam eine Idee, doch zunächst wollte sie noch den verbleibenden beiden Menschen lauschen.

Sie merkte sofort, dass die beiden zusammengehörten, obwohl sie nicht miteinander sprachen. Die junge Frau und der junge Mann blickten aufs Meer hinaus und hielten einander dabei an der Hand. Frieda wandte sich zuerst dem Mann zu.

Puh, morgen ist Weihnachten und ich hab ihr immer noch nicht gesagt, dass ich keinen Bock auf festliches Getue habe. Aber sie hat extra ihren Eltern abgesagt, damit wir zusammen feiern können. Ich will nicht gleich unser erstes gemeinsames Weihnachten versauen…

Hier hatte sie es wohl mit einem Weihnachtsmuffel zu tun. Nun war seine Freundin dran.

Hoffentlich erwartet er nicht so ein klassisches Fest…Ich bin so froh, endlich mal nicht mit Mama und Papa zu feiern. Am liebsten würde ich drei Tage lang nur fernsehen, zocken und essen. Aber was, wenn er von mir Weihnachtsstimmung erwartet?

Frieda schaute nachdenklich. Wieso reden die beiden denn nicht miteinander, dann wäre doch alles klar? Natürlich, das war es! Friedas Ohren wurden warm, das passierte immer, wenn sie eine gute Idee hatte. Es war ganz einfach! Sie konnte alle auf die gleiche Weise etwas glücklicher machen, sie musste nur eine einzige Sache dafür tun.

Während es langsam zu dämmern begann und die letzten Spaziergänger den Strand verlassen hatten, flog Frieda etwas näher zu dem jungen Paar. Dann konzentrierte sie sich, schloss kurz die Augen, lächelte und berührte mit ihrer kleinen Hand zuerst das Herz der Frau und dann das Herz des Mannes. Leise flüsterte sie: „Willst du es heilen, so musst du es teilen.“ Als ihre Hände warm wurden, wusste sie, dass es funktioniert hatte. Neugierig blickte Frieda das junge Paar an.

„Du, ähm… was ist dir denn an Weihnachten besonders wichtig? Soll alles so ganz klassisch sein?“ Er schaute seine Freundin nicht an, als er diese Frage stellte. „Ehrlich gesagt muss überhaupt nichts klassisch für mich sein.“ Nun blickte er erstaunt zu ihr rüber. „Gar nichts, kein Baum, kein festliches Essen?“ „Nö, so ist es bei meinen Eltern immer, aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn wir es uns einfach gemütlich machen.“ „So richtig mit Jogginghose, Filmmarathon und bestelltem Essen?“ Sie strahlte ihn an. „Das klingt perfekt! Essen vom Inder um die Ecke und wenn wir keinen Bock mehr auf Filme haben… vielleicht zocken?“

„Zocken, ja cool! Oh wow, ich hatte mir schon voll einen Kopf gemacht, wie unser erstes Weihnachten für uns beide schön sein kann.“ Sie gab ihm einen Kuss und er legte seinen Kopf an ihre Schulter. Nun konnten sie Weihnachten beide kaum noch erwarten.

Frieda lächelte vergnügt. So hatte sie sich das vorgestellt. Ob es bei den anderen auch klappen würde? Nun waren die Oma und der Vater dran. Wieder konzentrierte sie sich, schloss kurz die Augen, lächelte und berührte mit ihrer kleinen Hand zuerst das Herz der Oma und dann das Herz des Vaters. Leise flüsterte sie: „Willst du es heilen, so musst du es teilen“ und wartete, bis ihre Hände warm wurden.

„Was Sie da stricken würde meiner Tochter gefallen. Es ist so schön bunt.“ „Oh ja, mein Enkel liebte bunte Sachen auch, aber jetzt ist er schon größer und findet diesen Schal hier sicher kindisch. Wie alt ist ihre Tochter?“ „Sie ist acht“. Er schluckte. „Wir feiern dieses Jahr zum ersten Mal nur zu zweit Weihnachten. Ich habe richtig Angst davor. Meine besten Freunde sind krank und haben abgesagt. Wissen Sie, seit ich nicht mehr mit ihrer Mutter zusammen bin, ist es schwierig. Für uns beide.“ Sie lächelte ihn verständnisvoll an. „Ja, an Weihnachten merkt man es besonders, dass es nicht mehr so ist wie früher. Seit dem Tod meines Mannes habe ich immer mit den Kindern und meinem Enkel gefeiert, aber dieses Jahr sind sie in den Süden geflogen.“ Sie betrachtete den Schal in ihrem Schoß. „Ich werde die nächsten Tage wohl stricken, auch wenn ich gar nicht recht weiß, für wen.“ Nun schaute er sie mitfühlend an.

„Ach wissen sie was, ich habe diesen Schal gleich fertig und ich möchte ihn gerne Ihnen schenken. Für Ihre Tochter.“ „Oh, das ist aber nett! Vielen Dank, da wird sich Laura sehr freuen. Er schaute ihr dabei zu, wie sie die letzten Maschen anschlug. „Wissen Sie, worüber sie sich noch freuen würde? Über einen Weihnachtsgast. Das kommt jetzt vielleicht etwas plötzlich, aber darf ich Sie für morgen Abend zum Essen zu uns einladen?“ Sie ließ die Nadeln sinken und blickte ihn verblüfft an. „Mich? Meinen Sie das Ernst?“ „Ja natürlich, wir sind allein und Sie auch. Wäre es dann nicht viel schöner, zusammen zu essen und vielleicht… zu Würfeln? Laura möchte auch unbedingt etwas auf der Flöte vorspielen.“ „Ich spiele auch Flöte!“ Jetzt strahlte sie. „Dann bringen Sie Ihre Flöte am besten mit.“ Er reichte ihr eine Visitenkarte. „Hier unsere Adresse.“

Es funktionierte also sogar bei fremden Menschen! Frieda war froh und auch ein bisschen stolz auf ihre Idee. Mal sehen, was als Nächstes geschehen würde. Bei der Frau mit dem Hund und dem jungen Mann angekommen, konzentrierte sie sich wieder, schloss kurz die Augen, lächelte und berührte mit ihrer kleinen Hand zuerst das Herz der Frau und dann das Herz des Mannes. Leise flüsterte sie: „Willst du es heilen, so musst du es teilen“ und wartete, bis ihre Hände warm wurden.

Als zunächst keiner der beiden etwas sagte, flüsterte sie dem Hund zu: „Hey du, ich brauche mal deine Hilfe.“ Der Hund verstand sofort, lief zu dem jungen Mann und stupste ihn mit der Schnauze an. „Bobby, komm her! Entschuldigen Sie bitte.“ „Kein Problem, ist ja ein lieber Hund. Zu Hause sind Hunde oft wild, aber in Deutschland brav.“ Er streckte seine Hand aus und Bobby kam wieder zu ihm, um sich streicheln zu lassen. „Woher kommen Sie denn?“ „Somalia.“ „Und wie lange sind Sie schon hier?“ „Ich bin schon lange hier, aber ich warte immer noch auf meine Familie.“ „Ihre Familie ist nicht bei Ihnen?“ „Nein, sie darf noch nicht kommen.“

Es war ihr etwas unangenehm mit jemandem zu sprechen, der allein ohne seine Familie in einem fremden Land war, während sie gerade am liebsten weg von ihrer Familie wollte. „Wohnen Sie in der Unterkunft am Stadtrand?“

„Ja. Die Unterkunft ist okay, nur etwas laut. Sie haben Familie?“ „Ja, zwei Kinder und einen Mann. Und Weihnachten kommt noch Verwandtschaft.“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Sie mögen ihre Familie nicht?“ „Doch, aber alle auf einmal sind sehr anstrengend.“ „Ich verstehe, zu Hause sind bei einer Feier oft fünfzig Leute. Aber ich liebe das! Familie ist sehr wichtig. Das merkt man erst, wenn sie fehlt.“

Obwohl sie sich dagegen wehrte, stiegen ihr Tränen in die Augen. Es war einfach gerade alles zu viel. Dabei hatte er ja recht. Früher war auch für sie die Familie das Wichtigste. Nur seit ein paar Jahren waren die großen Feste alles andere als entspannt. „Ich wünsche Ihnen gute Weihnachten…sagt man so?“ Sie schluckte. „Frohe Weihnachten sagt man. Danke.“ „Frohe Weihnachten für Sie und Ihre Familie.“ Er streichelte Bobby, der sich mittlerweile zu seinen Füßen gelegt hatte und die Aufmerksamkeit genoss. „Was machen Sie morgen Abend?“ Warum fragte sie das? Sie konnte doch nicht einfach… Aber warum eigentlich nicht? Sie hatte Lust, sich mal mit jemand anderem zu unterhalten, über andere Themen als die üblichen. „Ich lese, vielleicht spiele ich Backgammon mit meinem Nachbarn.“ „Hätten Sie Lust…“ Sie zögerte noch kurz. „Ich möchte Sie gerne zum Essen zu uns nach Hause einladen. Morgen um 18 Uhr.“ „Essen bei Ihnen? Aber Weihnachten ist für die Familie.“ „Ja, aber nicht nur. Es kommen auch Freunde und unsere Nachbarin. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie kommen.“ „Vielen Dank für die Einladung! Ich freue mich sehr, ihre Familie kennenzulernen. Und Bobby wieder zu streicheln.“ Sie lächelten sich an, beide noch etwas ungläubig über diese Wendung. 

Frieda war sehr zufrieden, als sie noch einmal alle Menschen betrachtete. Jeder einzelne hatte auf seine Art unglücklich gewirkt und sie hatte es tatsächlich geschafft, dass sie alle jetzt etwas fröhlicher, entspannter und hoffnungsvoller waren. Für die sechs Menschen am Strand war heute schon ein wenig Weihnachten geworden und Frieda fühlte sich nun mehr als bereit, gemeinsam mit dem Weihnachtsmann kleine Weihnachtswunder zu den Menschen zu bringen.

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