Sie waren gerade so weit voneinander entfernt, dass er den Straßenmusiker in Gänze sehen und seine Musik in voller Lautstärke wahrnehmen konnte. Dieser Platz schien ihm der richtige gewesen zu sein und so setzte er sich – als einziger – dorthin, während die anderen Zuhörenden die Uferpromenade entlang schlenderten oder kurz stehenblieben, um ein, zwei Liedern zu lauschen. Wie lange er schon dort saß, wusste er nicht, denn mit jeder Melodie kam es ihm so vor, als würden sich Zeit und Raum verdichten, auf diesen Augenblick hin. Oder war es viel mehr so, dass sie sich außerhalb von Raum und Zeit befanden, er und der Musiker, seine Lieder, all die Klänge, Texte und Rhythmen?
Es war nichts Neues, dass Musik ihn tief berühren konnte. Sie machte ihn mal fröhlich mal traurig, er ließ sie selten nur im Hintergrund laufen, sondern wählte sie bewusst und je nach Stimmung aus, lauschte ihr und beobachtete, wie sie ihn forttrieb. Fort vom tristen Alltag, fort von Liebeskummer, Arbeitsstress oder Sorgen. Doch diese Musik vermochte etwas anderes. War er es gewohnt, dass ein Lied, seine Worte und Klänge ihn an die Hand nahmen und sich mit ihm in eine bestimmte Richtung bewegten, hoch in den Himmel, grenzenlos und frei oder auch in tiefste Tiefen voller Kummer und Schmerz, immer schien die Musik ihn ziehen oder drücken zu wollen, als sei es ihr Anliegen, dass er sich von dort, wo sich seine Gefühle und Gedanken gerade befanden, wegbewegte.
Die Klänge, denen er in diesem Moment lauschte, verhielten sich anders. Sie nahmen ihn an der Hand, nicht zu fest, doch gerade fest genug, und blieben bei ihm. Er war da und alles war mit ihm da, der Ärger über den Kollegen, die Grübelei, ob er sich endlich einen Ruck geben und seine Schwester anrufen solle, die Sorge um den Freund, der eine ernste Diagnose bekommen hatte, aber auch die Vorfreude auf den bevorstehenden Urlaub. Und mit allen diesen Gefühlen und Gedanken saß er dort und die Musik hielt einfach seine Hand und flüsterte ihm zu: Ich bin mit dir hier.
Vielleicht lag es an dieser Wirkung der Musik, dass er auch eine ungewöhnlich starke Verbindung zu dem Mann mit der Gitarre spürte. Er beobachtete ihn beim Singen, hin und wieder schien auch er ihn anzuschauen, wobei er da nicht ganz sicher war. Es war ihm, als würde er diesen Menschen schon lange und gut kennen. Dabei begegneten sie sich vor ein paar Tagen zum ersten Mal, als er ihm auf dem Weg zur Arbeit aufgefallen war.
Aber waren sie sich wirklich begegnet? War es nicht vielmehr so, dass er schon einiges über sein Gegenüber wusste, über dessen Wünsche und Träume, seine Hoffnungen und Ängste, von denen seine Lieder handelten, während er selbst für den Musiker nur einer von vielen Zuhörern war? Es fühlte sich mit einem Mal wie ein großes Ungleichgewicht an. Dieses Gefühl muss es gewesen sein, das ihn schließlich dazu brachte, nach dem letzten Lied aufzustehen und nicht nur wie gewohnt ein paar Münzen in den Gitarrenkoffer zu werfen – denn Geld konnte hier kein Gleichgewicht herstellen, das war klar – sondern stehen zu bleiben und ihn anzusprechen.
„Hallo, ich mag deine Musik sehr. Ich habe dich hier schon ein paar Mal spielen gehört“. Er biss sich auf die Unterlippe, spielte mit der linken Hand am Gurt seiner Tasche und bewegte die rechte nach vorne, so als überlegte er einen Moment lang, seinem Gegenüber die Hand zu geben, entschied sich dann jedoch dagegen. Menschen ansprechen war nicht seine Stärke und normalerweise machte er das auch nicht, wenn es sich vermeiden ließ. In diesem Moment kam es ihm so vor, als ließe es sich nicht vermeiden. „Ich weiß.“ Der Musiker hob seinen Gitarrengurt über den Kopf und lächelte ihn an. „Du bleibst immer am längsten. Du hörst wirklich zu.“ Er war ihm also aufgefallen? Er, der eigentlich nie jemandem auffiel, und der darüber auch ganz froh war? „Ich…Ich kann nicht anders. Diese Musik macht etwas mit mir. Ich kann es nicht genau beschreiben.“ Er zwang sich, seinem gegenüber in die Augen zu sehen, obwohl er schon die Röte in seinem Gesicht aufsteigen spürte. „Es fühlt sich ein bisschen an, als würdest du sie nur für mich spielen.“ Münzen klimperten im Gitarrenkasten, plötzlich wurde er angerempelt und musste ein Stück zur Seite treten. Die Situation war ihm unangenehm. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Warum hatte er nicht wie sonst auch einfach etwas Geld gegeben und war gegangen? Aus irgendeinem Grund war das Bedürfnis, sich dem anderen mitzuteilen, stärker als seine Schüchternheit.
„Das tue ich ja auch.“ Der Musiker bedankte sich bei einer jungen Frau, die gerade eine Münze in den Koffer gelegt hatte, wandte sich ihm wieder zu und schaute ihn lange an. „Weißt du, ich spiele sehr gerne vor vielen Menschen und hoffe, ihnen damit einen schönen Moment zu schenken. Und ich freue mich auch sehr über Anerkennung durch Applaus und den ein oder anderen Euro. Doch am meisten freut es mich, wenn ich hin und wieder jemanden in meinem Publikum entdecke, bei dem ich merke, dass meine Musik ihn wirklich berührt. Es gibt nichts Schöneres für einen Künstler. Für diese Menschen schreibe, spiele und singe ich. Es fühlt sich ein wenig so an, als würde ich sie gut kennen. Du bist so ein Mensch. Ich danke dir sehr dafür.“

Super gelungen! 😍
Vielen Dank!